Editorial „AFRICA POSITIVE Nr. 55“

Liebe Leser,

seit einigen Monaten hören wir nur unheilvolle Berichte über die Verbreitung von Ebola, den Vormarsch von ISIS sowie die Zunahme von Flüchtlingszahlen. Alle diese Ereignisse zeigen uns eines: wir in Europa oder in Amerika können den Problemen im Süden nicht mehr den Rücken kehren und so tun, als würden wir sie nicht registrieren.

Globalisierung ist nicht nur ein ökonomisches Zauberwort für den Export von Gütern von Nord nach Süd, sondern Globalisierung umfasst Alles und Jeden.
Als die ersten Ebola-Fälle bekannt und die Fragen nach externer Unterstützung für die´Eindämmung der Krankheit laut wurden, hat die Weltgemeinschaft wenig Interesse gezeigt. Klar haben die Entscheidungsträger bestimmt gemeint: nur schon wieder eine dieser Krankheiten in Afrika. Es ist nicht so schlimm, wenn nur einige Afrikaner daran sterben.

 

AFRICA POSITIVE Ausgabe Nr. 55  
AFRICA POSITIVE Ausgabe Nr. 55  / Oktober 2014

Damals war Ebola sehr weit weg, in Liberia, Sierra Leone und Guinea. Zwei der betroffenen Länder litten unter jahrelangen Kriegen, die vieles dort zerstört haben, neben wirtschaftlichen Gütern auch moralische Werte. Die amtierenden Regierungen waren seit einigen Jahren dabei funktionierende Strukturen wieder aufzubauen, dann kam Ebola und machte alles zunichte.

Liberia besitzt nur 45 Ärzte für eine Bevölkerung von 4,5 Millionen. Hat die Regierung dort vorher nicht auch total versagt, indem sie zu wenig in das Gesundheitswesen und ganz besonderes in die Ausbildung von Ärzte und Krankenschwestern investiert? Wir haben zugeschaut und im richtigen Moment nicht geholfen, als die Hilferufe aus den Ländern kamen. Wenn es um die ,,Ice Bucket Challenge“ geht, stehen wir alle stramm und spenden großzügig, aber für Ebola flossen bisjetzt wenig Spenden. Wir brauchen vielleicht eine „Sand Bucket Challenge„, um die Unterstützung für Ebola zu steigern?

Seitdem auch einige Europäer und Amerikaner an Ebola erkrankten und verstarben, scheint die Krankheit (natürlich!) bald keine Grenzen mehr zu kennen, beginnen die Medien in vielen westlichen Ländern, die Hysterie anzuheizen und Panik zu schüren. Ausgehend von der Tatsache, dass dieselben Medien der Bevölkerung seit Jahrzehnten „beigebracht“ haben, dass Afrika ein Land ist, wundert es uns nicht mehr, wenn alle schwarze Menschen auf einmal zu Ebola-Verdächtigen werden. Man soll nur aufpassen, dass wir nicht in ein Szenario rutschen, wo alle Afrikaner unter Quarantäne
gestellt werden oder dass sie aus den öffentlichen Leben ausgeschlossen werden. Beispiele aus den USA zeigen bereits, wie die liberianische Community im Ortsteil Vickery Meadow in Dallas mit Ausgrenzung zu kämpfen hat.

Angstmacherei verantwortungsloser Medien wird Ebola nicht stoppen, die Weltgemeinschaft muss jetzt entscheidend handeln, um die Verbreitung dieser Krankheit zu stoppen. Wir lesen selten über Erfolge beim Kampf gegen Ebola. Eine angehende 22jährige Krankenschwester in Liberia, Fatu Kekula, hat dort ihre ganze Familie allein zu Hause behandelt. Sie besaß keine professionelle gelbe Schutzkleidung und Desinfektionsmittel, Sicherheitsschleusen und anderen High-Tech, aber durch ihre Klugheit und Kreativität hatte sie es mit einfachsten Mitteln wie Mülltüten, Socken, Handschuhen und Gummistiefeln nachweislich geschafft, sich während der Behandlung ihrer Familienmitglieder nicht anzustecken. Sie hat drei von vier Personen gerettet, und das ist ein Riesenerfolg! Wenn wir überlegen, dass sich in Spanien und Dallas die Krankenschwestern trotz Schutzanzügen mit Ebola angesteckt haben, dann ist Fatu Kekula eine Heldin!

Ebola ist aber nicht unsere einzige Sorge, sondern auch Boko Haram und ISIS. In Nigeria hat die Regierung fast sechs Monate nach den Entführung von circa 200 Mädchen aus einer Mädchenschule in der Stadt Chibok angeblich keine Ahnung, wo dieser Schülerinnen sich heute befinden. Die Kampagne „Bring Back Our Girls“ (Bringt unsere Mädchen zurück) ist mittlerweile eingeschlafen.

Diese religiösen Fanatiker denken nicht, bevor sie handeln. Alle Bücher sollen verbrannt werden und Schüler dürfen kein Englisch sprechen. Boko Harams Mitglieder selbst nutzen westliche Waffen und Autos, die sie nicht entwickelt und produziert haben, aber die Bedienungsanleitungen und Frachtpapiere dafür sind ,,halal„? Übrigens, der Name Boko Haram bedeutet: „Westliche Bildung ist verboten„. Die Fragen, die wir uns stellen sollten, sind: Wer finanziert Boko Haram? Stecken vielleicht unzufriedene Politiker hinter diesen Terrormilizen? Gleichgültig, wer dahinter steckt, die nigerianische Regierung muss die Ursachen der Unzufriedenheit in der Bevölkerung angehen. Die Politiker müssen endlich anfangen, den Menschen im Land zu dienen und die Gelder der Steuerzahler nicht in die eigene Tasche zu stecken. Nigeria besitzt großen Reichtum, aber die Mehrheit der Bevölkerung hat nichts davon. Die krasse Ungleichheit im Land führt in solchen Fällen immer dazu, dass die Menschen sich irgendwann wehren. Boko Haram ist bereits auf den Vormarsch in die Nachbarländer Kamerun und Tschad, ein Grund mehr, warum die betroffenen Regierungen geschlossen handeln müssen. Liebe Leser, es gibt gerade deshalb auch viele gute Nachrichten und Ereignisse, die Sie in dieser Ausgabe nachlesen können.

Veye Tatah