Cover AfP59

Editorial Nr. 59 – Was der Mensch sät, das wird er ernten!

Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge

Seit Monaten gibt in fast allen Nachrichtensendungen und auf fast allen Medienkanälen Themen rund um die Flüchtlingskrise oder, wie es manche Medien darstellen, die Massenmigration nach Europa. Die meisten Berichte sind bisher sehr sachlich und differenziert. Sogar die Boulevardpresse, die noch vor kurzem Ausländer, Flüchtlinge und Co. für Populismus und Verkaufszwecke genutzt hat, hat den Begriff Solidarität entdeckt und organisiert Fußball-Aktionen für Flüchtlinge. Vielleicht gibt es mittlerweile doch einen Sinneswandel dahingehend, dass nicht alles „typisch Deutsche“ schlecht oder gefährlich ist. Trotzdem vermisse ich in den meisten Berichten eine kritische Analyse der Fluchtursachen.

Wer steckt hinter diesen Kriegen? Welche geopolitischen Interessen werden verfolgt? Woher kommen die Waffen? Welche Unternehmen beuten diese Länder aus? Wie wirkt sich unsere Lebensart auf andere Länder aus? Welche Wirkungen haben die EU-Freihandelsabkommen (EPAs) mit den Ländern des Südens? Großen Wohlstand und Wachstum wie prognostiziert – doch wohl kaum. Stattdessen viel mehr Armut, Perspektivlosigkeit, tausendfachen Tod in den Kriegen. Vielleicht ist das ein Grund, warum wir uns intensiv mit TTIP beschäftigen sollten.

Wirtschaftsinteressen verfolgen durch das Anzetteln von Kriegen im Namen von Demokratie und Menschenrechten?

Unabhängig davon muss uns aber klar werden, dass die Ursachen für Migration zum Teil in unserer eigenen Mitverantwortung liegen. Das politische Engagement für einen anspruchsvolleren Klimaschutz, für Ressourceneinsparung sowie mehr Ressourcengerechtigkeit, fairer Handel und eine bessere Entwicklungszusammenarbeit sind wichtig, damit sich die Weltgesellschaft nachhaltig entwickeln kann. Es kann und darf nicht sein, dass laut Oxfam durch die ungleiche Vermögensverteilung das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung im kommenden Jahr mehr als die restlichen 99 Prozent zusammen besitzt.

Wie lange werden die Waffen eingesetzt, um Wirtschaftsinteressen zu sichern? Haben wir tatsächlich gedacht, dass wir uns auf unserer Wohlstandsinsel bequem und günstig die Ressourcen beschaffen, die wir für unser Wohlergehen brauchen, und ansonsten die Türen vor dem Elend der Welt mit Stacheldraht verschließen? Die Realitäten holen uns vor unserer Haustür ein. Diese Themen muss den Bürgern dieses Landes meiner Meinung nach von der Presse erklärt werden – dass nämlich unsere Politik, sei es auf nationaler oder EU-Ebene, unsere Wirtschaftsaktivitäten sowie unser Konsumverhalten gravierende Auswirkungen auf andere Länder haben. Absurderweise erläutern politische Comedy-Shows (!!!) die Ursachen und Folgen der Krisen häufig fairer als prominent besetzte Talkrunden oder Nachrichtensendungen. Man bedenke: Comedy-Shows!

Armut und Perspektivlosigkeit – kein Asylgrund?

Die Migrationsbewegung ist kein neues Phänomen. Es ist auch normal und berechtigt, dass Europas Bürger Angst vor einer „Massenzuwanderung“ haben. Trotzdem sollten diese, bevor sie die Flüchtlinge verurteilen, vor allem auf die europäische Geschichte zurückblicken. Millionen Europäer, darunter viele Deutsche, sind jahrhundertelang wegen Armut ausgewandert, um neue Perspektiven zu bekommen. Hunger und Armut sollen also keine Asylgründe darstellen? Das heisst im Umkehrschluss, damals hätten diese Europäer also in den Aufnahmeländern kein Asyl erhalten sollen. Wer heute sagt, dass Hunger, Perspektivlosigkeit, Unsicherheit und Repression keine ausreichenden Begründungen zum Auswandern sind, der sollte sich in die Lage jener Flüchtlinge hineinversetzen.

Es ist auch nachvollziehbar, dass viele Europäer versuchen, ihren Reichtum vor den Armen dieser Welt zu schützen und zu verteidigen. Ich möchte aber Alle daran erinnern, dass die Grundlage dieses Reichtums die Ausbeutung der Kolonien war und dass sie in vielen „unabhängigen“ Ländern Afrikas durch die hinterlassenen wirtschaftlichen und politischen Strukturen noch heute unvermindert weiter geht. Wir können nicht länger die Augen verschließen, die Realitäten werden uns einholen – schneller als wir denken. Heute protestieren viele Menschen in Deutschland gegen TTIP. Jetzt müssen wir gemeinsam auch gegen die einseitig zu Lasten der afrikanischen Länder abgeschlossenen Freihandelsabkommen Deutschlands und der EU protestieren.

Arbeitsplätze schaffen durch Industrialisierung der Länder Afrikas

Die Jugend Afrikas ist eine Bereicherung für den Kontinent, wenn sie gut gebildet ist und Zukunftsperspektiven hat, sonst wäre sie eine tickende Zeitbombe für Afrika und Europa. Heutzutage sind nur etwa 20 % der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, aus afrikanischen Ländern. Diese Zahl wird sich vervielfachen, wenn die Zustände nicht drastisch verändert werden. Laut dem UN Bericht zur Bevölkerungsentwicklung wird die Einwohnerzahl auf dem Kontinent Afrika weiterhin massiv wachsen – bis 2100 von heute 1,2 auf rund 4,5 Milliarden.

Es ist höchste Zeit, dass die Länder Afrikas die Ressourcen des Kontinents selbst weiter verarbeiten und Arbeitsplätze vor Ort schaffen. Wenn wir es ehrlich damit meinen, die Fluchtursachen langfristig bekämpfen zu wollen, dann brauchen wir eine sozialverträgliche und menschliche Wirtschaftspolitik – nur sie kann nachhaltig sein und allen Kontinenten nutzen.

Lieber Leser, Afrika hat einen guten Freund verloren. Die Arbeit, die wir heute machen, das Bild Afrikas ausgewogen darzustellen, hat Henning Mankell jahrelang verkörpert. Wir werden ihn vermissen. Genießen Sie die Lektüre in diesem Heft!

Veye Tatah