Afrikaner in der Diaspora – Zeit zum Umdenken?

Es gibt viele ungenutzte Potenziale und Talente die überhaupt nicht erkannt oder gefördert werden. Wie können die Akteure und Institutionen in der Diaspora ihre Aktivitäten konsolidieren, um diese Armut zu bekämpfen? Deren Verhaltensweisen spiegelt die Zustände in vielen afrikanischen Ländern genau wider.

Wer ist die „Afrikanische Diaspora“?

In Deutschland leben viele Afrikaner aus verschiedenen Ländern. Anstatt sie nach Nationalitäten aufzuteilen, würde ich die Aufteilung lieber nach dem Bildungsgrad vornehmen sowie nach den Termini „erfolgreich“ und „sozial schwach„. Die meisten bleiben in ihren Parallelgesellschaften und haben fast keinen Zugang zu der einheimischen Gesellschaft. Sie leben ihre Leben weiter wie zuhause in den afrikanischen Herkunftsländern. Eine Tatsache, die weder integrations- noch potenzialfördernd ist.

Warum fliehen Menschen aus ihren Heimatländern, ohne sich danach zu verändern?

Wandert man nicht aus, weil man seine Lebensperspektive für sich und seine zukünftige Familie verbessern möchte? Warum flüchten Menschen über gefährliche und lebensbedrohliche Routen nach Europa, nur um ihre erfolglose Lebensweise anschließend dann doch nicht zu verändern? Sogar wenn man ihnen alle möglichen kostenlosen Angebote macht, bleibt dies so. Die Mentalität, schnelles Geld zu verdienen, ohne etwas dafür zu tun, ist ein sehr großes Hindernis für viele Afrikaner, seien es gebildete oder weniger gebildete Menschen. Nichtsdestotrotz gibt es viele Hilfskräfte, die hart arbeiten mit geringen Lohn leider durch diese Mentalität sich nicht weiter entwickeln können.

Die Mentalität, schnelles Geld zu verdienen, ohne etwas dafür zu tun, ist ein sehr großes Hindernis für viele Afrikaner, seien es gebildete oder weniger gebildete Menschen.

Eine weitere traurige Entwicklung ist der Zuwachs von alleinerziehenden afrikanischen Frauen mit durchschnittlich drei Kindern, die meistens von den Sozialleistungen leben und bildungsfern sind. Wo sind die Vätern? Kann es sein, dass das Kindergeld einen Anreiz dafür darstellt, so viele Kinder zu bekommen? Dieser Zustand ist bedauerlich und lässt befürchten, dass diese Kinder ohne massive Einwirkung der Städte und der afrikanischen Community selbst in den nächsten 10 bis 15 Jahren genauso von Sozialleistungen leben werden wie ihre Mütter, da sie es nicht anders kennen. Wie gehen die afrikanischen Communities eigentlich mit diesem Problem um?

Wie sieht es mit der gebildeten afrikanischen Diaspora aus?

Es gibt mittlerweile viele Afrikaner, die hier in Deutschland studieren. Anschließend  bekommt die Mehrheit dieser Personen gut bezahlte Jobs. Wie immer schafft es natürlich nicht Jeder, sofort einen Arbeitsplatz zu bekommen. Aber es ist mittlerweile auch eine wachsende Anzahl von Afrikanern, die zur Mittelschicht gehört.

Die kostenlose Ausbildung, die wir Afrikaner hier in Deutschland erhalten, müsste für sich bereits normalerweise ein Grund dafür sein, das wir in unsere eigene Community sozial engagieren, um diese Familien zu begleiten. Wir beobachten aber eine Art selbstverständliche Hinnahme unter den vielen afrikanischen Studierenden. Unserer Erfahrung nach sind viele afrikanische Studenten in den Städten, in denen sie leben, als Bürger gar nicht präsent. Sie engagieren sich vor Ort nicht. Man sieht sie viel öfter dann, wenn es um die Vergabe von Spendengeldern geht, oder wenn sie für ihre Parties finanzielle Unterstützung von den  diversen kirchlichen und staatlichen Institutionen fordern.

Unserer Erfahrung nach sind viele afrikanische Studenten in den Städten, in denen sie leben, als Bürger gar nicht präsent. Sie engagieren sich vor Ort nicht.

Mittlerweile wohnen hier in Deutschland viele afrikanische Familien mit kleinen und schulpflichtigen Kindern. Viele dieser Familien sind aber bildungsfern und können ihren Kindern im Elternhaus nicht die nötige Unterstützung geben, wegen mangelnde Sozialkompetenz. Man sollte eigentlich  denken, dass gerade afrikanische Studenten, die hier ein kostenloses Studium genießen, die Ersten wären, die diesen Kinder und deren Familien zur Seite stünden. Wieder Fehlanzeige! Die obengenannten Probleme würden einigermassen gelöst, wenn sich viele Studierende ehrenamtlich als Paten oder Mentoren für diese Kinder und Jugendlichen einsetzen würden. Es sind stattdessen deutsche Studierende und solche mit anderer Nationalität, die dies tun. Sie sind es, die ihre Freizeit opfern, um afrikanische Kinder kostenlos bei den Hausaufgaben zu unterstützen und Nachhilfe anzubieten. Das halte ich für eine Schande. Es zeigt, dass viele afrikanischen Studierenden so egoistisch sind, dass sie nicht bereit sind, andere Kinder schulisch zu unterstützen. Andererseits erwarten  sie aber Unterstützung von Anderen.  Das spiegelt meiner Meinung nach dieselbe „Hilfsempfänger-Mentalität“ wider, welche in vielen afrikanischen Ländern herrscht: Spenden und Entwicklungsgelder aus dem Ausland zu sammeln, aber selbst nicht bereit sein, etwas davon für die Entwicklung der Gesellschaft abzugeben. Uneigennützigkeit ist für sie ein Fremdwort.

Gute Ausbildung = gesunder Menschenverstand?

Gut ausgebildete Bürger sind wichtig für die Entwicklung der afrikanischen Länder. Was ich gefährlich finde, sind gut gebildete Menschen, die keinen Sinn für das Gemeinwohl haben. Eine gerechte, stabile und Potenzial fördernde Gesellschaft kann nur erreicht werden, wenn das angelernte Wissen für  positive Zwecke eingesetzt wird anstatt für die Ausbeutung der eigenen Bevölkerung mittels  Korruption, wodurch in ihren eigenen Länder die erhoffte Entwicklung verhindert wird. Schauen Sie sich die heutigen Regierungen in vielen afrikanischen Ländern an: viele der Politiker haben in Deutschland, Frankreich, Amerika, England usw. studiert. So viele Diplome, Doktor- und Professorentitel, nur am Ende kommt nichts Vernünftiges dabei    heraus, nicht einmal etwas, was ihren Länder  zugute kommen kann.  Es fehlt etwas Entscheidendes: viele der Regierungspolitiker Afrikas haben wenig Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft entwickelt. Sie sind nur auf ihre eigenen Interessen und Profite fixiert, und das auf Kosten aller Anderen im Volk. Wenn viele afrikanische Studenten hier in Deutschland ausgerechnet im „Land des Ehrenamtes“ nicht lernen können, dass man sich auch ohne eine zu erwartende Gegenleistung für Andere einsetzen kann, meinen Sie, dass sie es dann in ihren Heimatländern tun?

Ich habe hier in Deutschland studiert und wie andere Studierende nebenbei gearbeitet, um mein Studium selbst zu finanzieren. Trotzdem hatten wir damals auch genug Zeit für Parties und andere Dinge. Es gibt immer viel Zeit, in der man unnötige Sachen macht. Eine bis zwei Stunden in der Woche für ein Ehrenamt zu investieren, ist doch nicht zu viel verlangt, wenn Menschen hier im Gegenzug kostenlose Bildung erhalten?

Neue Vereine und Dach-verbände ohne Nachhaltigkeit

Ausgerechnet viele Studenten, die während ihrer Studienzeit keine ehrenamtliche Arbeit für die hier lebenden Afrikaner leisten wollen, gründen jetzt jeden Tag neue Vereine, um vorgeblich die Integration der Afrikaner zu fördern. Der Grund dafür sind jedoch wohl eher die Aussagen, dass Gelder für Migrantenorganisation vorhanden seien, um die Integrationsarbeit in den Migrantengemeinschaften durchzuführen. Die Vereine haben wohlklingende Namen, bei den meisten steckt aber nichts dahinter. Auf einmal entdecken Viele ihre „gute Seele“ für die Bedürftigen. Man glaubt, die Menschen täuschen zu können, in dem man sporadische Veranstaltungen ohne vernünftige, nachhaltige Konzepte dahinter durchführt, nur um sich in den Mittelpunkt zu stellen, genauso wie in Afrika. Mittlerweile gibt es alle möglichen Dachverbände, einige davon bestehen zumeist nur aus sehr wenigen Personen. Die Öffentlichkeit wird von einigen Migranten (nicht nur Afrikaner) getäuscht, denn es geht überwiegend darum, den Privatinteressen von Wenigen zu nützen und nicht um die Stärkung der Interessen ihrer eigene Communities im Allgemeinen.

In die meisten afrikanischen Ländern herrscht eine patriarchalische gesellschaftliche Ordnung, bei der es nicht um Inhalte und Leistungen geht, sondern um Macht.

Zum Beispiel  kämpft Jeder hier für sich und möchte sofort nach der Vereinsgründung der „Big Boss“,  Präsident oder CEO sein, mit eigenem Büro, Dienstwagen und Chauffeur, und mit der Hoffnung, all dies aus den so bereitwillig angebotenen Fördergeldern zu finanzieren. Diese Illusionen führen dazu, dass viele Afrikaner nicht bereit sind, untereinander mit ihren Vereinen zusammenzuarbeiten oder zu kooperieren. Erstaunlich, wenn alle doch behaupten, dass sie ihre Vereine nur  aus Sorge um das Wohl der hier lebenden Afrikaner gegründet haben…

Viele schauen sich in Wahrheit überwiegend nur danach um, wo man schnell Fördergelder bekommt, und nicht etwa nach ehrenamtlichen Tätigkeiten. Doch gibt es nur eine Handvoll Vereine, die tatsächlich versuchen, mit konkreten Angeboten die Herausforderungen für die Afrikaner in den Städten anzugehen. Gebremst wird diese Arbeit von denen, die nur so tun, als ob sie helfen wollten. Viele dieser „Möchtegern-Vorsitzenden“ wissen jedoch gar nicht, wie man einen Verein richtig führt. Es gibt zwar überall kostenlose Workshops über die Themen „Richtige Vereinsarbeit“, „Projektanträge stellen“, „Buchführung“ etc., aber ausgerechnet dort findet man diese „akademischen Möchtegern-Helfer“ nicht. Sie haben keine Zeit dafür, sich die notwendigen Kompetenzen und Erfahrungen für diesen Arbeitsbereich anzueignen, sondern versuchen viel lieber, schnelle Gelder zu akquirieren, ohne sich mit so unnützen Dingen wie der Kenntnis zur Projektumsetzung oder Themeninhalten zu belasten.

Viele sind nicht bereit, sich bereits bestehenden und funktionierenden Initiativen von Afrikanern anzuschließen, um ihre Ressourcen zu bündeln. Im Gegenteil, sie bekämpfen sich gegenseitig und versuchen immer, etwas Neues zu starten, was meistens nicht funktioniert. Schauen wir uns in vielen Bundesländern um, sind afrikanische Communities mit guten, nachhaltigen Strukturen, die unabhängig von Religion und Politik kontinuierlich arbeiten, rar gesät. Viele ihrer Gründer/Mitglieder besitzen keine Geduld und geben vor, keine Zeit dafür zu haben, um für die hier aufwachsende Generation junger Afrikaner gemeinsame eigene Strukturen aufzubauen. Viele versuchen, von Angehörigen anderer Nationalitäten bereits etablierte Strukturen zu nutzen, um schnell an Geld zu kommen, anstatt sich mit anderen Afrikanern gemeinsam etwas aufzubauen. Beim Reden sind die meisten Weltmeister, doch wenn es um    konkrete Aufgaben und Aktivitäten handeln, sieht man die „Möchtegernhelfer“ nicht mehr. Eine große Klappe mit Anzügen und Aktentaschen haben sie, aber leider stecken  meistens keine ehrlichen Absichten dahinter. Das Dilemma Afrikas!

Wie sieht es mit der Integration der Afrikaner aus?

Nach jahrelanger Integrationsarbeit wissen wir, dass viele bildungsferne Afrikaner immer noch diverse Probleme bei der Integration in die Gesellschaft haben. Das  Christentum wurde nach Afrika gebracht, aber heute gibt es in vielen Länder Afrikas wachsende christliche Gemeinden, die große Hindernisse für die Entwicklung der Länder sind. Warum?  Weil die heutigen Pastoren überwiegend vom Wohlstand und Erfolg predigen, ohne etwas anderes dafür zu leisten als beten und fasten. Das führt dazu, dass viele Menschen diese Einstellung verinnerlichen. Deswegen verbringen viele christlich orientierte Menschen viele Zeit, leider auch nur ausschließlich, mit ihren Glaubensgemeinschaften und haben sonst wenige Kontakte zu Anderen, schon gar nicht zu Deutschen. Viele Pastoren nutzen diese Ignoranz und Verletzlichkeit der Gemeindemitglieder, um sich durch falsche Versprechungen persönlich zu bereichern.

Viele Pastoren nutzen diese Ignoranz und Verletzlichkeit der Gemeindemitglieder, um sich durch falsche Versprechungen persönlich zu bereichern.

Folglich gibt es sehr wenige Berührungspunkte mit der Mehrheitsgesellschaft und mit hier lebenden Angehörigen anderer Nationalitäten. Viele Afrikaner wohnen hier, aber sie gestalten ihren Alltag, als ob sie noch in ihren alten Heimatländern in Afrika   lebten. Man kann verstehen, dass die Eltern nostalgische Gefühle hegen oder manchmal auch Heimweh haben, trotzdem sollten sie ihren Kinder den Weg zur richtigen Integration in Deutschland nicht verbauen. Gemeinsame Anstrengungen von staatlichen Institutionen und transparent agierenden afrikanischen Organisationen müssen diese Zielgruppe also besonders begleiten, um deren Lebensperspektiven hier in Deutschland zu verbessern.

Viele ungenutzte Potenziale und Talente

Es gibt eine wachsende Anzahl an erfolgreichen Afrikanern in verschiedenen Bereichen, sei es in der Wirtschaft oder in der Politik. Nichtsdestotrotz leben noch viele davon in prekären Lebenssituationen. Darunter sind viele kreative Menschen und talentierte Kinder und Jugendliche. Da diese Zielgruppe überwiegend unter sich bleibt und keinen aktiven Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft, anderen Institutionen oder Vereinen von Nicht-Migranten sucht, erhält sie nur wenige Impulse von außerhalb, die ihre  Lebensperspektiven oder Handlungsmöglichkeiten entscheidend verbessern könnten.

Die Frage lautet: Wie kann man diese verborgenen Potentiale aufwecken, coachen und begleiten, um die hier vorhandenen Chancen zu nutzen? In erster Linie wird es den einzelnen Personen zugutekommen, zweitens wird die afrikanische Community als solche davon profitieren und nicht zuletzt die Heimatländer der Betroffenen. Um dieser Herausforderung anzugehen, wäre eine gezielte Strategie vonnöten, damit die Mehrheit der Mitglieder in den afrikanischen Community zur aktiven Partizipation und Teilhabe in allen Lebensbereichen dieser Gesellschaft mitgenommen werden kann.

Veye Tatah