Militär, Moral und Macht: Afrikas Selbsttäuschung und Amerikas neue Härte

Liebe Leserin, lieber Leser,
Sie halten die 100. Ausgabe von Africa Positive in ihren Händen. Ein Meilenstein, der zum Rückblick und zur Einordnung unserer Gegenwart einlädt. Auf dem Cover der ersten Ausgabe stand Nelson Mandela – als Vorbild für Frieden, Versöhnung und verantwortungsvolle politische Führung.
Für das Editorial der 100. Ausgabe haben wir uns bewusst für ein Gegenbild entschieden: Donald Trump. Nicht als Provokation um ihrer selbst willen, sondern als Symbol für eine Politik der Abschottung, Polarisierung und Machtdemonstration. Der Kontrast zu Mandela könnte kaum größer sein. Er macht sichtbar, wie weit sich politische Leitbilder in Teilen der Welt verschoben haben.
Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Doch Medien haben die Aufgabe, Entwicklungen zu benennen und Fragen zu stellen – auch unbequeme. Dieses Jubiläum ist deshalb nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch zur kritischen Reflexion.
Unser Dank gilt dem gesamten ehrenamtlichen Team, das Africa Positive über all die Jahre getragen hat, sowie Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, für Ihre Treue und Ihr Vertrauen. Auch nach 100 Ausgaben bleibt unser Anspruch bestehen: kritisch, unabhängig und engagiert.

Symptombekämpfung statt Ursachenanalyse: Afrikas innere Krisen und der globale Druck von außen
Afrikanische Regierungen geben Milliarden für Waffen aus, um Aufstände im eigenen Land niederzuschlagen. Panzer, Gewehre und Sicherheitskräfte sollen Ordnung schaffen, wo Politik versagt hat. Doch wer glaubt, soziale und politische Krisen ließen sich militärisch lösen, verwechselt Symptome mit Ursachen. Repression mag Ruhe erzwingen – sie schafft keinen Frieden.
Die wahren Brandherde liegen tiefer: allgegenwärtige Korruption, Tribalismus, soziale Ungleichheit und ein Justizsystem, das häufig der Macht dient statt dem Recht. Solange politische Eliten öffentliche Ämter als private Einnahmequellen betrachten, bleibt jeder Appell an nationale Einheit eine Farce.
Der Mangel an Gemeinschaftsgeist ist kein kulturelles Schicksal, sondern das Resultat jahrzehntelangen politischen Versagens. Die Verantwortung liegt dabei nicht beim „einfachen Mann“. Gesellschaftlicher Wandel beginnt nicht unten, sondern oben. Der Bürger wird seine Haltung erst dann ändern, wenn er sieht, dass sich Eliten und herrschende Klassen selbst beschränken, Verantwortung übernehmen und sich wie Vorbilder verhalten. Ohne diese Vorbildfunktion bleibt Opferbereitschaft eine leere Parole.

Trumps Migrationspolitik: Sicherheit oder selektive Säuberung?
Während Afrika mit sich selbst ringt, verschärft sich der Druck von außen. Die Migrationspolitik der USA unter Donald Trump wirft eine unangenehme Frage auf: Handelt es sich um Grenzschutz – oder um eine gezielte Ausgrenzung nach Hautfarbe?
Einreiseverbote für Staatsangehörige aus dutzenden Ländern, massive Hürden für Visa aus Afrika und Berichte über Kautionsforderungen von bis zu 15.000 US-Dollar für Antragsteller aus bestimmten Staaten sprechen eine deutliche Sprache. Welcher europäische Staatsbürger müsste einen solchen Betrag hinterlegen, um ein Visum zu beantragen?
Die Antwort ist bekannt. Ebenso auffällig ist, wer im Visier der USEinwanderungsbehörde
ICE steht – und wer nicht. Die Öffentlichkeit sieht Razzien in lateinamerikanischen und afrikanischen Communities. Man sieht jedoch kaum Bilder von ICE-Agenten, die gezielt illegale weiße Europäer aufgreifen. Wenn Durchsetzung so offensichtlich selektiv wirkt, wird das Argument der „reinen Rechtsstaatlichkeit“ unglaubwürdig.

Amerika und die Verharmlosung der Begriffe
Ist der Faschismus in den USA auf dem Vormarsch? Diese Frage mag drastisch klingen, doch sie drängt sich auf, wenn staatliche Macht demonstrativ gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtet wird. Auffällig ist dabei die Zurückhaltung vieler europäischer Medien. Begriffe wie „autoritäre Politik“, „ethnische Selektion“ oder „institutionalisierte Ausgrenzung“ werden oft umschifft. Vielleicht aus Rücksicht auf den transatlantischen Partner – vielleicht aus Angst, historische Parallelen offen auszusprechen.

Afrika als nächstes Ziel?
Vor diesem Hintergrund wächst in Afrika das Misstrauen. Sind afrikanische Länder die nächsten Ziele einer Politik, die Staaten nicht als Partner, sondern als Rohstofflager betrachtet? Öl, seltene Erden, strategische Metalle – der Kontinent ist reich an Ressourcen und zugleich politisch fragmentiert. Eine gefährliche Kombination.
Was können afrikanische Länder tun? Militärische Stärke allein wird sie nicht schützen. Ihre einzige realistische Option liegt in innerer Reform: funktionierende Institutionen, unabhängige Gerichte, regionale Zusammenarbeit und eine politische Kultur, die das Gemeinwohl über ethnische oder persönliche Interessen stellt.

Die unbequeme Wahrheit
Afrikas Zukunft entscheidet sich weder in Washington noch in Brüssel, sondern in den Hauptstädten des Kontinents selbst. Solange Regierungen lieber auf Soldaten als auf Reformen setzen, bleibt Afrika verwundbar – nach innen wie nach außen. Wer die Ursachen ignoriert, wird weiterhin nur Symptome bekämpfen. Und wer moralische Führung fordert, ohne sie selbst zu leben, darf sich über Misstrauen und Instabilität nicht wundern.
Veye Tatah