Seit Jahrzehnten sprechen afrikanische Staats- und Regierungschefs leidenschaftlich über Industrialisierung, wirtschaftliche Unabhängigkeit und afrikanische Einheit. Dennoch steht dem Fortschritt des Kontinents weiterhin ein großes Hindernis im Weg: das Fehlen eines bedeutenden innerafrikanischen Handels sowie die anhaltenden Einschränkungen der Bewegungsfreiheit afrikanischer Menschen innerhalb ihres eigenen Kontinents.
Die jüngsten globalen Krisen, insbesondere die Iran-Krise und die Störungen der weltweiten Energie-Lieferketten, haben erneut Afrikas gefährliche Abhängigkeit von ausländischen Märkten offengelegt. Viele afrikanische Länder importieren weiterhin Treibstoff, Lebensmittel, Maschinen und Industriegüter von außerhalb des Kontinents, während sie nur wenig mit ihren Nachbarstaaten handeln. Dieses Modell hat afrikanische Volkswirtschaften immer dann verwundbar gemacht, wenn globale Konflikte oder Lieferengpässe auftreten.
Die Lehre daraus ist heute deutlicher denn je: Afrika muss mehr mit sich selbst handeln.
Eines der stärksten Beispiele afrikanischer Eigenständigkeit stammt aus dem gigantischen Raffinerieprojekt, das von Aliko Dangote in Nigeria errichtet wurde. Während Zeiten weltweiter Treibstoffknappheit und steigender Ölpreise zeigte die Dangote-Ölraffinerie, wie afrikanische Investitionen zur Stabilisierung der Versorgung auf dem gesamten Kontinent beitragen können. Anstatt vollständig von Importen aus Europa, Asien oder dem Nahen Osten abhängig zu sein, verfügen afrikanische Länder nun über eine wachsende regionale Quelle raffinierter Erdölprodukte. Noch wichtiger ist, dass Dangotes Pläne, in Ölraffinerien in Ostafrika sowie in die Düngemittelproduktion in Äthiopien zu investieren, genau die langfristige kontinentale Denkweise zeigen, die Afrika dringend benötigt. Allein die Düngemittelproduktion könnte die Ernährungssicherheit und die landwirtschaftliche Produktivität Afrikas erheblich verbessern – zu einer Zeit, in der die globalen Lebensmittelpreise weiterhin instabil sind.
Afrikanische Milliardäre und wohlhabende Wirtschaftseliten müssen diesem Beispiel folgen. Viel zu lange wurde ein großer Teil des afrikanischen Reichtums im Ausland investiert – in Luxusimmobilien, ausländische Banken und internationale Vermögenswerte. Industrialisierung erfordert Fabriken, Eisenbahnen, Straßen, Kraftwerke, Häfen und Technologieparks. Regierungen allein können diese Projekte nicht finanzieren. Afrikanisches Privatkapital muss Teil der Lösung werden. Investitionen allein werden jedoch nicht ausreichen, wenn afrikanische Staaten weiterhin geschlossene Grenzen und restriktive Visasysteme gegenüber anderen Afrikanern aufrechterhalten.
Es ist schwierig, ernsthaft von afrikanischer Einheit zu sprechen, solange Afrikaner selbst auf enorme Hindernisse stoßen, wenn sie innerhalb Afrikas reisen, arbeiten, handeln oder Geschäfte machen möchten. Mehrere afrikanische Staaten haben in jüngster Zeit Schritte in die richtige Richtung unternommen, indem sie afrikanischen Bürgern visafreien Zugang gewähren. Solche Maßnahmen fördern Tourismus, Geschäftsbeziehungen, kulturellen Austausch und Arbeitsmobilität. Sie tragen außerdem dazu bei, den integrierten Markt zu schaffen, der für industrielles Wachstum notwendig ist. Gleichzeitig geben die beunruhigenden Angriffe auf afrikanische Einwanderer in Südafrika weiterhin Anlass zu großer Sorge hinsichtlich Fremdenfeindlichkeit und afrikanischer Solidarität. Gewalt gegen Mitafrikaner untergräbt die Idee kontinentaler Zusammenarbeit und schwächt Afrikas gemeinsame Zukunft. Der Widerspruch innerhalb der afrikanischen Einwanderungspolitik ist ebenfalls schwer zu ignorieren. Bürger vieler europäischer Länder können visafrei in zahlreiche afrikanische Staaten reisen, während Afrikaner selbst auf ihrem eigenen Kontinent oft strengen Visabeschränkungen unterliegen. Wie können die African Union und ihre Mitgliedstaaten eine solche Situation rechtfertigen? Wenn afrikanische Regierungen wirklich an kontinentale Integration glauben, dann sollten afrikanische Bürger innerhalb Afrikas die größtmögliche Reisefreiheit genießen.
Der Erfolg der African Continental Free Trade Area hängt entscheidend von dieser Frage ab. AfCFTA hat das Potenzial, eine der größten Freihandelszonen der Welt zu werden, die über eine Milliarde Menschen verbindet und enorme Möglichkeiten für Produktion, Handel und industrielle Expansion schafft. Doch Freihandel kann ohne die freie Bewegung von Menschen nicht effektiv funktionieren. Händler müssen reisen können. Ingenieure müssen Grenzen überschreiten können. Investoren müssen Geschäftspartner treffen. Fachkräfte müssen dorthin ziehen können, wo Chancen bestehen. Lieferketten benötigen effiziente Verkehrsnetze und vereinfachte Zollsysteme. Wirtschaftliche Integration ist unmöglich, solange Grenzen geschlossen oder übermäßig restriktiv bleiben. Zu versuchen, AfCFTA umzusetzen, ohne Visaeinschränkungen und Grenzbarrieren zu beseitigen, ist so, als würde man ein Haus bauen wollen und dabei mit dem Dach statt mit dem Fundament beginnen.
Zuerst muss die Grundlage geschaffen werden. Afrika befindet sich an einem wichtigen Wendepunkt. Globale Unsicherheit, geopolitische Spannungen und veränderte wirtschaftliche Realitäten haben Eigenständigkeit dringender gemacht als je zuvor. Der Kontinent verfügt über enorme natürliche Ressourcen, eine junge Bevölkerung, unternehmerisches Talent und einen schnell wachsenden Markt. Was Afrika jetzt braucht, ist politischer Mut. Öffnet die Grenzen. Ermutigt Afrikaner, mit Afrikanern Handel zu treiben. Investiert afrikanischen Reichtum in die Entwicklung Afrikas. Schützt afrikanische Migranten, anstatt sie anzugreifen. Nur dann kann der Traum eines wirklich industrialisierten und wirtschaftlich unabhängigen Afrikas Wirklichkeit werden.
Veye Tatah